By Till Ahrens on Freitag, 29. April 2016
Category: Events & Aktuelles

Der Guanyin-Tempel im Park um die Ecke

Heute beschließe ich, mich bei angenehmen 25° Sonnenschein auf den Weg zum Guanyin-Tempel im Park um die Ecke zu begeben, um dort ein wenig zu meditieren.

Unmittelbar hinter unserem Haus in Taipeh, Xindian, befindet sich ein Park mit vielen wunderschönen Wanderwegen...

Das Einzige, worauf man achten muss, sind die Giftschlangen, die sich manchmal auf den Wegen "abkühlen". Da ist wirklich "buddhistische" Achtsamkeit gefordert.

Einmal wäre ich fast auf eine dieser knallgrünen Geschöpfe getreten, deren Biss sehr schmerzhaft sein soll. Aber heute begnet mir - Buddha sei Dank - keine. 

Auf dem Weg zum Tempel geht's an diesem Teich vorbei. Hier treffen sich Taiwaner gerne zum Angeln oder zum Karaoke singen.

Auf der anderen Seite tanzen sogar zwei zur Karaoke-Musik. Diese hört sich allerdings etwas gewöhnungsbedüftig an. Nicht weil es chinesische Volksmusik ist, sondern einfach weil vier oder fünf Karaoke-Anlagen im Abstand von ein paar Metern aufgestellt sind und und sich gegenseitig übertönen. 

Die meisten der enthusiastischen Karokesänger sind offensichtlich Rentner, die jetzt erst richtig auf den Geschmack kommen. Hier trifft man sich täglich.

Der Eingang zur Karaoke-Anlage, der mit chinesischen Laternen geschmückt ist. Ein nettes Plätzchen zum Entspannen, aber heute geht's weiter zum Guanyin-Tempel...

Das ist noch nicht der Tempel, das ist lediglich ein kleiner Unterstand am Parklatz, in dem man vor Regen oder auch Sonne Schutz suchen kann. 

Bis jetzt bin ich vielleicht 20 Minuten durch den Park gegangen, da tauchen die ersten Buddhastatuen auf. Auf jeder Seite eine. Sie markieren den Eingang zum Tempel.

Die Tempelanlage wirkt fast wie ein himmlischer Palast, geradezu majestätisch.

Bereits auf halber Strecke nach oben, hat man einen faszinierenden Ausblick über Palmen hinab ins Tal.  

Laut einer speziellen Lehrrede des Buddhas, dem Surangama Sutra, war Guanyin ein Schüler des Buddhas. Dieser erlangte Erleuchtung, indem er sich auf die Meditation des Hörens spezialisierte.

Gemäß dieser Lehrrede fragte der Buddha Guanyin, wie er denn Erleuchtung erlangte. Dieser antwortete, dass er Erleuchtung erlangt hatte, indem er sich an den Ozean setzte und jeden Tag den Wellen lauschte. Aber sein Fokus lag nicht auf den Wellen selbst, er lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Fähigkeit des Bewusstseins, Klänge wahrzunehmen. 

Durch die Verschiebung des Fokus von äußeren Klängen hin zur Bewusstheit des Hörens, erlangte er vollstandigens Erwachen und bekam seinen Namen "Guanyin". Guan bedeutet "Klang", Yin bedeutet "hören", also derjenige, der den Klang hört.

Der ganze Tempel ist von diesen Buddhastatuen, die den Buddha des grenzenlosen Lichtes (Sanskrit: Amitabha) darstellen, umgeben.

Dieser Teil des Tempels ist ein Krematorium. Hier wird die Asche der Verstorbenen in den 13 Stockwerken des Tempels aufbewahrt. 

Im chinesischen Amida-Buddhismus glaubt man an ein westliches Paradies, in das die Verstorbenen mit reinem Herzen kommen.  

Endlich, geschafft! Die große Halle mit dem Hauptschrein liegt direkt vor mir. 

Guanyin war übrigens einer anderen Geschichte nach eine chinesische Prinzessin, die von ihrem Vater verstoßen wurde. 

Chuang Wan, der Regent des nördlichen Königreiches besaß drei Töchter. Die dritte Tochter, Miao Shan, wollte der Herrscher verheiraten, aber sie weigerte sich, was den Vater sehr zornig machte. So beschloss sie, ins Kloster des weißen Vogels einzutreten und dort ihr Leben als Nonne zu verbringen.

„Sie soll niedrigste Arbeiten verrichten und zurückkommen“, sagte der Vater, aber sie blieb standhaft und kehrte nicht heim. Da gab der Vater den Befehl, seine Tochter erstechen zu lassen, aber das Schwert konnte ihr kein Leid antun. Schließlich ließ er sie des Nachts ersticken.

Miao Shan gelangte nun in die Unterwelt, aber der Höllengeneral erkannte ihr gutes Wesen und ließ sie alsbald wieder gehen. Sie schwebte auf einer Lotusblüte zu einer Insel, wo sie zur Göttin des Südlichen Meeres wurde und den Kranken half und sich um die Armen kümmerte.

Eines Tages kam ihr zu Ohren, dass ihr Vater erblindet war und er nur geheilt werden könne, wenn ihm jemand eines seiner Augen schenkte. Die barmherzige Göttin opferte ein Auge und ließ es zu ihrem Vater bringen, der wieder gesundete.

Endlich hatte der Vater ein Einsehen und betete für seine Tochter. Der Himmel schickte ihr ein neues Auge, und auch sie wurde wieder vollends sehend. Seitdem wurden überall im Reich Götterstatuen aufgestellt - mit tausend Armen und tausend Augen.

Ähnlich wie tibetische Buddhastatuen, wird auch diese Guanyin-Statue des Hauptschreins mit unzähligen Armen und mehreren Köpfen dargestellt ...

Überwältigt von der Größe der Buddhastatuen, verbeuge ich mich dreimal vor diesen - wie es in Asien üblich ist.

Außer mir ist nur ein einziger Mönch im Tempel. Er ist gerade damit beschäftigt, Texte oder Gebete auf chinesisch zu rezitieren.

Ich begrüße ihn freundlich mit einem "Ni Hao" (chinesisch für "Guten Tag"). Er wirkt erst ein bisschen erstaunt. Ausländer verirren sich wohl nicht häufig in den Tempel. Dann lächelt er mich herzlich an und begrüßt mich mit einem "Namo Amitofuo", was soviel wie "Ehre sei dem Buddha des grenzenlosen Lichts" bedeutet.

Ich nehme mir einen der Meditationshocker aus der Ecke und lasse erst einmal die Schwingungen dieser gigantischen Buddhas auf mich wirken. Dann beginne ich mit der Tschenresi-Meditation (die tibetische Entsprechung der chinesischen Version), die ich von meinen tibetischen Lehrern gelernt habe.  

Während ich meditiere, beginnt der Mönch offensichtlich eine Form von Geh-Meditation, indem er in der Halle langsam im Kreis geht und dabei mit einem Klöppel auf einem Stück Holz in kurzen Abständen schlägt. Dieser monotone Klang hat einen sehr beruhigenden Effekt auf mich und ich habe den Eindruck, dass jedes Mal, wenn er mir näher kommt, die Gestalt des Buddha vor meinem inneren Auge etwas aufleuchtet.

Ich meditiere so eine Weile und als der Mönch seine Geh-Meditation beendet, kommt er zu mir und spricht mich auf chinesisch an. Er möchte wissen, woher ich komme. Als ich ihm mit meinem gebrochenem chinesisch erzähle, dass ich aus Deutschland komme, ist er scheinbar begeistert und fragt mich, was ich denn hier mache. Ein paar Fragen schaffe ich noch zu beantworten, dann muss ich leider passen.

Aber er lädt mich ein, von nun an täglich zum Meditieren zu kommen. Mein neuer Freund meditiert anscheinend jeden Tag von morgens bis abends hier im Tempel. Vielleicht ist es seine Aufgabe auf den Tempel aufzupassen? Ich weiß es nicht. Aber er ist immer da, wenn ich komme, und rezitiert hingebungsvoll Gebete oder buddhistische "Sutren" (Lehrreden des Buddha) auf chinesisch.   

Nachdem wir uns verabschiedet haben, zündet er noch ein überdimensionales Räucherstäbchen vor dem Tempel an und winkt mir aus der Ferne zu.

Wenn du jetzt Lust bekommen hast, ebenfalls zu meditieren, lade ich dich herzlich ein, in eines meiner Meditationsseminare zu kommen. Dann werde ich gern meine Erfahrungen mit dir teilen.

Meine aktuellen Meditationsseminare im Mai und Juni findest du hier ...

Alles Gute

Till Ahrens

 

Ps: hier ist die chinesisch-sprachige Webseite des Tempels: http://www.gdd.com.tw/about.htm

Adresse des Tempels: 236, New Taipei City, Tucheng District, 石門路95巷3-1號

 

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